Warum es sich nicht lohnt, auf Wolke vier zu bleiben

Wolke-vier-Heißluftballon

Kennst du den Song Wolke vier von Philipp Dittberner & Marc?

„Lass uns die Wolke vier bitte nie mehr verlassen
Weil wir auf Wolke sieben viel zu viel verpassen
Ich war da schon einmal, bin zu tief gefallen
Lieber Wolke vier mit Dir als unten wieder ganz allein“

Mich macht dieses Lied immer wahnsinnig traurig. Weil es meiner Meinung nach voller Hoffnungslosigkeit ist. Und doch sitzen die meisten Menschen, die ich kenne, jahrelang auf Wolke vier. Weil es so schön bequem ist mit irgendjemandem zusammen zu sein, anstatt alleine. Außerdem ist es so schwer, jemanden zu finden, der wirklich zu einem passt. Weil man sich nach etwas Geborgenheit sehnt, auch wenn sie nur lauwarm ist. Ich kann das sehr gut nachvollziehen.

Auch ich dachte früher, dass es ok sei, eine mittelmäßige Beziehung zu führen. Wer möchte schon ein Leben lang Single bleiben? Wenn alle um einen herum vergeben sind und sogar heiraten. Da bleibst du irgendwann auf der Strecke. Von Paaren wirst du bewusst oder unbewusst gemieden, bekommst kaum noch Einladungen zu Festen, und wenn, dann erntest du nur mitleidige Blicke: „Der Richtige wird schon kommen“, heißt es dann. Und auch sonst fühlst du sich wie eine Aussätzige. Alles schon erlebt. Das ist natürlich kein schönes Gefühl.

Aber glaub mir, Wolke vier ist auf Dauer viel schlimmer als das Alleinsein, wie diese kleine Anekdote zeigen wird:

Mein Bruder, seine Jugendliebe & Wolke vier

Teil 1: Die rosarote Brille

Mein Bruder war 17, als er seine erste große Liebe kennenlernte. Sie war 15 und ging auf dieselbe Schule wie er. Verknallt bis über beide Ohren blieben sie sogar dann zusammen, als er zu studieren anfing. Dafür hat sie gesorgt. Nach ihrem Abi zwei Jahre später wechselte sie ebenfalls zur Uni. Und obwohl beide viel zu tun hatten, sahen sie sich ständig.

Als er die Möglichkeit bekam, ein Praktikum bei einem angesehenen Arbeitgeber 600 Kilometer weiter weg zu absolvieren, machte sie ihm die Hölle heiß. Er blieb und redete sich ein, dass er ja sowieso nicht gerne weg aus seiner Heimatstadt wollte. Natürlich war das eine Lüge, aber Menschen sind ja bekanntlich sehr gut darin, sich Dinge schönzureden, nur um ihre Entscheidungen zu rechtfertigen. Das soll jetzt kein böser Vorwurf meinem Bruder gegenüber sein. Er hat einfach menschlich gehandelt.

Teil 2: Der liebe Frieden

Er blieb also und ließ sich immer mehr von ihr einwickeln. Gemacht wurde meistens nur das, was sie wollte. So fuhren sie zusammen mit ihrer gesamten Familie (Bruder, Schwägerin, deren Kinder und ihrer Mutter) an die See, besuchten jeden Sonntag ihre Oma und waren auch sonst nur im Doppelpack erhältlich. Wenn er sich mal mit Kommilitonen treffen wollte, nölte sie rum und ging meinem Bruder solange auf die Nerven, bis er meine Mutter dazu brachte, ihr einen eigenen Haustürschlüssel zu unserer Wohnung zu überlassen. Damit sie dort auf ihn warten konnte.

Das Ganze ging so lange, bis mein Bruder eines schönen Tages die Schnauze gestrichen voll hatte. Und zwar gestrichen! Natürlich ist er nicht selbstständig darauf gekommen. Die meisten Menschen, die ich kenne, brauchen einen Schubs von außen.

Einen Auslöser.

Teil 3: Der süße Auslöser

In seinem Fall war der Auslöser weiblich, hübsch, sehr aufgeweckt und studierte auch noch dasselbe wie mein Bruder. Erst durch diese Bekanntschaft begriff mein Bruder, dass er doch nicht so glücklich war, wie er sich das bislang eingeredet hatte. Da er jedoch von der anständigen Sorte ist, ließ er sich auf kein Abenteuer ein, sondern trennte sich stattdessen von seiner Jugendliebe und verschwand kurzerhand in Urlaub.

Um wieder klare Gedanken fassen zu können.

Leider akzeptierte seine Jugendliebe die Trennung nicht und bombardierte ihn und sogar meine arme Mutter mit Tausenden von Anrufen und SMS. Er blieb unnachgiebig. Bis zu dem Tag, als er wieder aus dem Urlaub nach Hause kam. Dummerweise hatte seine Ex-Freundin nämlich noch den Schlüssel zu unserer Wohnung und erwartete mein Brüderchen dort bei seiner Ankunft.

Nackt im großen Doppelbett.

Teil 4: Die gemeine Falle

Die Falle schnappte zu und das war´s dann für meinen Bruder. Als wohlerzogener junger Mann stand er natürlich zu seinem „Fehltritt“ und kam wieder mit seiner Ex zusammen. Sie ist ja auch kein Unmensch. Nichtsdestotrotz passten sie und mein Bruder einfach nicht zusammen. Das Mädel aus der Uni blieb eine gute Freundin und verschwand danach von der Bildfläche.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Die Jahre gingen ins Land und schließlich zogen mein Bruder und seine Wieder-Freundin zusammen. Das erste Kind folgte recht schnell danach, also zogen sie in ein Haus. Später dann die standesamtliche Hochzeit und nach nur anderthalb Jahren das zweite Kind. Damals war mein Bruder aber schon totunglücklich. Etwas, was man vermutlich nur als Außenstehender wahrnimmt. Er, der früher immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte und gerne im Mittelpunkt einer Gesellschaft stand, zog sich immer mehr in sich zurück. Verlor jeglichen Humor und wurde von Jahr zu Jahr ernster.

Teil 5: Der Anfang von Ende

Ich hatte es die ganze Zeit über geahnt.

Dass diese Geschichte nicht gut enden würde. Leider besitze ich einen untrüglichen Sinn dafür, welche Beziehungen zum Scheitern verurteilt sind. Aber auf mich wollte ja niemand hören. Als große Schwester fühlte ich mich natürlich irgendwie verantwortlich für meinen „kleinen Bruder“. Noch lange vor dem ersten Kind habe ich deshalb eine Art Intervention angeleiert. Zusammen mit seinem besten Freund und dem damaligen Mädel von der Uni. Leider ohne Erfolg. Er machte es sich solange auf seiner Wolke vier gemütlich, bis er sich Jahre später Hals über Kopf verliebte. Erst dann wachte er endlich auf. Es folgte die endgültige Trennung, später die Scheidung.

Wolke vier: Wie ein toter Fisch

Diese Geschichte ist ein Paradebeispiel dafür, welche Konsequenzen es nach sich ziehen kann, wenn jemand nicht auf seine eigenen Bedürfnisse achtet und nur das macht, was er denkt, tun zu müssen. Mein Bruder hatte keine Ahnung, wer oder was ihm wirklich guttut. Dachte, es sei in Ordnung, semi-glücklich zu sein und darauf Haus und Ehe aufzubauen. Dachte, es sei normal, auf Wolke vier zu sitzen und sein Leben an sich vorbeiziehen zu lassen.

Denn genau das passiert auf Wolke vier. Du befindest dich im Autopilot-Modus. Du tust und machst und erledigst deine Aufgaben im Alltag. Doch die schönen Dinge des Lebens, das eigentliche Glück spürst du dabei nicht mehr richtig. Klar, es gibt Momente, in denen es dir gutgeht. In denen das Leben deine Augen hin und wieder leuchten lässt. Aber diese Augenblicke werden von Jahr zu Jahr seltener. Im Grunde genommen funktionierst du nur noch. Wie in einer Art Trance.

Meistens äußert sich dieser Zustand darin, dass du das Gefühl hast, das Leben habe keinen rechten Sinn mehr. Du fühlst dich saft- und kraftlos. Im schlimmsten Fall wirst du krank. Erst sind es kleinere Wehwehchen. Dann werden es größere. Es ist ein schleichender Prozess. Wie ein toter Fisch, der in irgendeinem Versteck zu stinken anfängt. Man merkt, dass etwas nicht stimmt, und doch weiß man nicht, wo man nach dem Problem suchen soll.

Runter von Wolke vier!

Wenn du dich nach wahrer Liebe, Glück und Zufriedenheit sehnst, gib dich NIEMALS AUF DAUER mit Wolke vier zufrieden. Die kann langfristig nämlich sehr unglücklich machen. Weil du dich selber nicht ewig anschwindeln kannst. Weil dein Körper und deine Seele nach „mehr“ schreien werden!

Ich weiß, wovon ich spreche: Auch ich habe das alles durchgemacht. Funktionierte wie ein Roboter, war nur halb-glücklich, fing irgendwann an zu kränkeln und wusste nicht, woran es liegt. Doch ich erlebe heute, dass es auch anders geht. Denn in meiner jetzigen, sehr glücklichen Beziehung geht es mir so gut wie noch nie zuvor.

Zugegeben, es ist nicht leicht, sich aus der behaglichen Zuckerwatte von Wolke vier zu lösen. Die klebt natürlich ziemlich. Auch ich habe mich wochenlang gequält, bevor ich mich von meinem langjährigen Freund getrennt habe. Doch es hat sich definitiv gelohnt!

Viel Kraft für die richtige Entscheidung wünscht dir von ganzem Herzen

Deine Frau Sweet

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